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Ein Exoskelett verhilft zu neuer Lebensfreude

Zum zweiten Mal Laufen gelernt

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Vor wenigen Minuten saß Leif Schellknecht noch in einem Rollstuhl. Nun steht er. Und zwar mitten im Empfangsraum des Schweriner Sanitätshauses Kowsky, auf zwei Gehhilfen gestützt. Und er strahlt über das ganze Gesicht. Der querschnittsgelähmte Mann beginnt zu gehen und sein Lächeln wird dabei noch breiter.

Am Körper trägt der 47-Jährige etwas, das an das Gerüst eines Roboters erinnert: Schienen geben Ober-und Unterschenkeln ihren Halt. Sie münden in Schuhe, in denen Metallplatten Leif Schellknechts Füße anheben. Sensoren nehmen die Bewegungen seines Oberkörpers auf und setzen sie in Bewegungen um. An einer Steuereinheit gibt er die Schrittgeschwindigkeit ein. Diese trägt er wie eine Uhr am Handgelenk. „Natürlich die höchste – ich bin für Extreme zu haben“, sagt der frühere Industriekletterer feixend, der in Karstädt zu Hause ist.

Neue Chancen durch ein Exoskelett

Aufstehen, hinsetzen, gehen, die Richtung wechseln – all das ist mit dem Exoskelett möglich. Drinnen genauso wie draußen. „Ich habe damit sogar schon meine Tochter besucht. Sie studiert in Greifswald und wohnt im fünften Stock – ohne Fahrstuhl“, erzählt Leif Schellknecht. Für den Weg nach oben habe er 25 Minuten gebraucht, für den nach unten später „nur“ 20 Minuten. Das sei schon kräftezehrend gewesen, aber dennoch vollkommen in Ordnung. „Mit einem Rollstuhl hätte ich nie im Leben eine Chance gehabt zu sehen, wie sie wohnt.“

Seit Mai vergangenen Jahres sitzt der Prignitzer im Rollstuhl. Seine Rückenmarksschädigung auf Brusthöhe ist die Folge einer Tumorerkrankung. Ein Schicksal, an dem andere zerbrochen wären. Leif Schellknecht nicht. Das liegt an dem, was Ärzte, Pflegekräfte und Therapeuten geleistet haben. Aber auch an ihm selbst. „Denn unser Sozialsystem betreut einen zwar im Krankenhaus und bis zum Ende der Reha gut und relativ umfänglich, aber danach wird man allein gelassen.“ Er habe sich deshalb allein auf die Suche nach Hilfsmitteln gemacht, die ihm zumindest einen Teil seiner alten Beweglichkeit und Unabhängigkeit zurückgeben könnten.

Dabei kam ihm der Zufall zuhilfe: Ein Mitpatient, der wie er im Rollstuhl saß, ludt ihn ein, im Herbst mit zur Reha-Care zu kommen. Das ist die größte deutsche Reha-Messe. Da ein Physiotherapeut in der Rehaklinik in Plau am See ihm von einem Exoskelett erzählt hatte, machte Schellknecht sich in Düsseldorf sofort auf die Suche nach Anbietern. „Da bin ich dann auf den Stand von ReWalk gestoßen. Schon nach den ersten Erläuterungen war mir klar, dass ich so ein Exoskelett unbedingt haben wollte.“
Auch andere Anbieter bringen zwar inzwischen Robotic-Lösungen für Querschnittsgelähmte auf den Markt, weiß Sybille Koppelwiser, die das Schweriner Sanitätshaus Kowsky leitet. Nur das ReWalk-Modell habe aber eine Hilfsmittelnummer. Dies sei Voraussetzung für eine Kos-tenübernahme durch die Krankenversicherung. Leif Schellknecht ist privat versichert, das mag die Finanzierungszusage erleichtert haben. „Denn mit denTrainings und allem Drum und Dran kostet das wohl um die 150 000 Euro“, schätzt er ein.
Grundsätzlich können aber auch gesetzlich Versicherte auf Kassenkosten ein Exoskelett bekomen, sagt Sybille Koppelwiser. Für das Sanitätshaus sei das aber ein Wagnis. „Wir verauslagen da sechsstellige Beträge, die uns später unter Umständen nur in Raten erstattet werden.“ Es wäre wünschenswert, wenn man es hilfsbedürftigen Menschen endlich leichter machen würde, am medizinischen und technischen Fortschritt teilzuhaben.

Voraussetzungen für ein Exoskelett

Die Einzelfallentscheidungen, ob jemand ein Exoskelett bekommt oder nicht, hängen vor allem von medizinischen Faktoren ab. Nur sehr wenige Querschnittsgelähmte erfüllen letztlich die Bedingungen. So gibt es neben Grenzen bei Körpergröße und Gewicht auch Mindestanforderungen an die Knochendichte, erläutert Orthopädietechnikmeister Torsten Lindig, der sich im Sanitätshaus Kowsky um Leif Schellknecht und sein Exoskelett kümmert. Die Höhe der Rückenmarksschädigung spiele eine Rolle, denn die Querschittsgelähmten müssten trotz ihrer gesundheitlichen Einschränkungen dazu in der Lage sein, Gehilfen zu benutzen.

„Sie brauchen eine bestimmte körperliche Fitness. Und sie müssen sich selbstständig umsetzen können, um das Exoskelett allein anzulegen“, so Lindig. Bei Menschen, die schon sehr lange im Rollstuhl sitzen, seien die Chancen, mit dem Hilfsmittel zurechtzukommen, zudem geringer als zum Beispiel bei Leif Schellknecht. Der hat auf der diesjährigen Reha-Care gehört, dass derzeit gerade einmal 80 der rund 80 000 Querschnittsgelähmten in Deutschland mit einem Exoskelettversorgt sind. Er selbst hat auf der Messe Ende September endlich sein eigenes Modell bekommen. Die Trainings, zu denen er zuvor zweimal wöchentlich nach Plau am See gefahren war, hatte er noch mit einem Leih-Modell absolviert.

„Wenn ein Querschnittsgelähmter erstmalig wieder steht oder sogar geht, das ist schon faszinierend. Da kriegt man auch als Außenstehender eine Gänsehaut“, gesteht Orthopädietechnikmeister Torsten Lindig. Leif Schellknecht nickt, ihm ist es nicht anders gegangen. Mittlerweile hat er eine ganze Menge von gesundheitlichen Effekten registriert, die ihm fast noch wichti-ger sind als die Möglichkeit, wieder stehen und gehen zu können: Seine Durchblutung ist wieder in Schwung gekommen, die inneren Organe arbeiten dadurch besser, die Verdauung funktioniert wieder, und die Schmerzen haben nachgelassen. Querschnittsgelähmte mit ei-nem Exoskelett bräuchten zudem weniger Medikamente, sie hätten weniger Spasmen und ihre Muskelmasse nehme zu, ergänzt Torsten Lindig. Und natürlich verbessert sich mit der körperlichen auch die psychische Verfassung.

„Man wird wieder anders wahrgenommen, wenn man wieder aufrecht steht“, sagt Leif Schellknecht. Denn auf Rollstuhlfahrer werde nun einmal nicht nur im wörtlichen, sondern auch im übertragenen Sinn herabgesehen. „Man nimmt es für selbstverständlich, stehen und gehen zu können...“, sagt er nachdenklich. Das Exoskelett kann nicht alle Einschränkungen seiner Querschnittslähmung wettmachen, aber doch viele. Seine Frau, Sohn und Tochter hätten sich schulen lassen, um ihm im Umgang mit dem Gerät assistieren zu können. „Im Büro kennt sich keiner damit aus, aber das geht trotz-dem“, erzählt Schellknecht. Er arbeitet jeweils 14 Tage am Stück für ein Offshore-Windkraftunternehmen auf Rügen. „Immer am ersten Tag hilft mir jemand, das Exoskelett und das ganze Zubehör reinzutragen – und dann bleibt das alles für die zwei Wochen im Büro.“ Nach jedem 8-Stunden-Tag lädt er den Akku wieder auf. „Ich bin so kaputt, dass ich sowieso nicht mehr gehen könnte. Das passt also alles“, sagt Leif Schellknecht. Und lächelt.

Text im Original von Karin Koslik

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